{"id":919,"date":"2025-08-25T12:00:00","date_gmt":"2025-08-25T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gaia-initiative.org\/?p=919"},"modified":"2025-09-24T12:13:22","modified_gmt":"2025-09-24T10:13:22","slug":"tiersende-koennen-vergiftungen-von-geiern-aufdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/tiersende-koennen-vergiftungen-von-geiern-aufdecken\/","title":{"rendered":"Tiersender k\u00f6nnen Vergiftung von Geiern aufdecken und Massensterben bei bedrohten Geierarten verhindern"},"content":{"rendered":"\n<p>Geier sind als Aasfresser resistent gegen\u00fcber vielen in der Umwelt vorkommenden Krankheitserregern und erf\u00fcllen unter anderem die \u00f6kologisch wichtige Funktion, Landschaften von im Aas vorkommenden Pathogenen wie dem Milzbranderreger <em>Bacillus anthracis<\/em> zu befreien. Gegen\u00fcber k\u00fcnstlichen Giften wie Agrarpestiziden sind sie jedoch extrem anf\u00e4llig und sterben oft unmittelbar nach der Aufnahme, zum Beispiel \u00fcber einen vergifteten Kadaver in der Landschaft. Vergiftete Kadaver sind keine Seltenheit, sie werden beispielsweise in Mensch-Wildtier-Konflikten zur Bek\u00e4mpfung von Raubtieren auf Farmland oder zum Verschleiern illegaler Aktivit\u00e4ten wie Wilderei ausgebracht. Ob Geier Kollateralschaden oder direktes Ziel der Vergiftungen sind \u2013 der Effekt ist h\u00e4ufig ein Massensterben der V\u00f6gel an einem einzigen Ort. Diese Ereignisse spielen eine gro\u00dfe Rolle bei den zum Teil dramatischen Bestandsr\u00fcckg\u00e4ngen, etwa um bis zu 90% innerhalb von drei Generationen beim Wei\u00dfr\u00fcckengeier (<em>Gyps africanus<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Besendern von 5 Prozent der Tiere kann 45 Prozent der weiteren Todesf\u00e4lle verhindern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Forschende der GAIA-Initiative identifizierten nun ein mutma\u00dflich wirksames Rezept zur Eind\u00e4mmung des Massensterbens von Geiern an vergifteten Kadavern: Sie wiesen anhand der Daten von besenderten Wei\u00dfr\u00fcckengeiern im Etosha-Nationalpark in Namibia nach, dass die Auswertung der Daten von Tiersendern die fr\u00fchzeitige Erkennung von Vergiftungsf\u00e4llen und ein schnelles Eingreifen erm\u00f6glicht. Wird der vergiftete Kadaver innerhalb von zwei Stunden entfernt, kann ein betr\u00e4chtlicher Anteil der nachfolgenden Todesf\u00e4lle verhindert werden. Die Forschenden berechneten das Verh\u00e4ltnis von Aufwand und Nutzen: \u201eDieses Verh\u00e4ltnis ist in unserem Modell gut ausbalanciert, wenn f\u00fcnf Prozent der Geierpopulation (25 Individuen in unserem simulierten System) mit Senderdaten verfolgt werden\u201c, sagt Teja Curk, Wissenschaftlerin am Leibniz-IZW und Erstautorin der Studie. \u201eDieser Ansatz kann 45 Prozent der vergiftungsbedingten Todesf\u00e4lle verhindern, wenn innerhalb von zwei Stunden eingegriffen wird. Unsere Ergebnisse zeigen also, dass es zur Verringerung der vergiftungsbedingten Sterblichkeit ausreicht, einen kleinen Teil der Geierpopulation mit Tiersendern auszustatten, der als W\u00e4chter f\u00fcr den Rest der Population fungieren w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Je k\u00fcrzer die Zeitspanne bis zum Entfernen des Kadavers, desto mehr Todesf\u00e4lle k\u00f6nnen verhindert werden \u2013 wird innerhalb einer Stunde eingegriffen, k\u00f6nnen mehr als 50 Prozent der Todesf\u00e4lle verhindert werden; bei einer Reaktionszeit von 12 Stunden sinkt die Zahl auf 25 Prozent. Zudem ist der Zusammenhang zwischen dem Anteil der besenderten Geier und der Anzahl potenziell geretteten Tiere nicht linear, das bedeutet beispielsweise mit verdoppeltem Aufwand (Geier am Sender) wird erheblich weniger als der doppelte Nutzen erzielt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Analysen verbinden Tiersenderdaten, Verhaltensbeobachtungen und Simulationen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Analysen st\u00fctzen sich auf Daten \u00fcber einen Zeitraum von 13 Monaten von 30 mit Sendern ausgestatteten Wei\u00dfr\u00fcckengeiern in Namibia. Die Sender zeichneten min\u00fctlich Positionsdaten (GPS) und Bewegungsdaten \u00fcber den sogenannten ACC-Sensor auf. ACC-Daten sind Beschleunigungsdaten in drei r\u00e4umlichen Dimensionen und erlauben sehr genaue R\u00fcckschl\u00fcsse auf K\u00f6rperbewegungen der Tiere an einer Position. \u201eMit den von der GAIA-Initiative entwickelten, <a href=\"https:\/\/www.izw-berlin.de\/de\/pressemitteilung\/was-weiss-und-kann-der-geier-gaia-verbindet-natuerliche-und-kuenstliche-intelligenz-fuer-wildtierforschung-und-artenschutz.html\">auf K\u00fcnstlicher Intelligenz beruhenden Analyseverfahren<\/a> konnten sowohl das Verhalten der Geier (beispielsweise das Fressen) als auch die Position von Kadavern in der Landschaft zuverl\u00e4ssig abgeleitet werden\u201c, erkl\u00e4rt GAIA-Projektleiter J\u00f6rg Melzheimer vom Leibniz-IZW.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Daten zu Kadaverstandorten sowie Geier-Bewegungen sowie auf Basis von Informationen und Erfahrungen aus vergangenen Studien simulierten die Forschenden die Nahrungssuche von Geiern in sogenannten agenten-basierten Modellen. Die Modelle ber\u00fccksichtigten unter anderem die Gr\u00f6\u00dfe des Streifgebiets der Etosha-Population der Wei\u00dfr\u00fcckengeier, die t\u00e4glichen Aktionszeiten und -radien, die Flugbewegungen der Tiere bei der Nahrungssuche sowie unterschiedliche Szenarien f\u00fcr soziale Nahrungssuche. Kadaver und Tiere wurden zu Beginn einer Simulation zuf\u00e4llig in der Landschaft verteilt und in vorher festgelegten Verh\u00e4ltnissen zuf\u00e4llig als vergiftet\/nicht vergiftet respektive als besendert\/nicht besendert klassifiziert. Mit unterschiedlicher Parametrisierung lie\u00dfen die Forschenden die Modelle insgesamt 360 Male laufen und analysierten die Ergebnisse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Soziale Strategien bei der Nahrungssuche machen Geier anf\u00e4lliger f\u00fcr Massenvergiftungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Gruppenverhalten von Geiern bei der Nahrungssuche wirkt sich stark auf das individuelle Risiko einer Vergiftung aus. Dies belegten drei unterschiedliche Modelle f\u00fcr drei Strategien bei der Nahrungssuche: die nicht-soziale Futtersuche, bei der jeder Geier allein darauf angewiesen ist, selbst Kadaver in der Landschaft aufzusp\u00fcren; die Strategie der \u201elokalen Anreicherung\u201c, bei der Geier nicht nur von Kadavern angelockt werden, sondern auch durch die direkte Beobachtung von fressenden Artgenossen; und die Strategie der \u201eGeierkette\u201c, bei der die Geier nacheinander anderen Geiern am Himmel folgen, die sich m\u00f6glicherweise auf dem Weg zu einem Kadaver befinden. In einer fr\u00fcheren Studie wies das GAIA-Team nach, dass <a href=\"https:\/\/www.izw-berlin.de\/de\/pressemitteilung\/bei-der-nahrungssuche-zu-kooperieren-hat-fuer-geier-mehr-vorteile-als-nachteile.html\">soziale Strategien bei der Nahrungssuche f\u00fcr Geier mehr Vorteile als Nachteile haben<\/a> \u2013 im Hinblick auf das Vergiftungsrisiko sind Kooperation und Interaktion jedoch Nachteile, wie die aktuelle Studie im Detail aufzeigt. Beide soziale Strategien hatten zur Folge, dass nach einem Tag nahezu alle Geier an einem Kadaver fra\u00dfen, w\u00e4hrend es in dem nicht-sozialen Modell nur rund 60 Prozent der Geier waren. Dies hat erheblich h\u00f6here Anteile von vergifteten Geiern zur Folge, unabh\u00e4ngig davon wie hoch der Anteil der vergifteten Kadaver in der Simulation war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn den letzten Jahrzehnten sind die Best\u00e4nde vieler Geierarten stark zur\u00fcckgegangen, sie sind nun akut vom Aussterben bedroht\u201c, sagt Ortwin Aschenborn, GAIA-Projektleiter am Leibniz-IZW. \u201eDie Hauptursachen daf\u00fcr sind der Verlust von Lebensraum und Nahrung in vom Menschen gepr\u00e4gten Landschaften sowie eine hohe Anzahl direkter oder indirekter Vergiftungen. Der Bestand des Wei\u00dfr\u00fcckengeiers ist beispielsweise innerhalb von nur drei Generationen um etwa 90 Prozent zur\u00fcckgegangen \u2013 das entspricht einem durchschnittlichen R\u00fcckgang von 4 Prozent pro Jahr.\u201c Der Erhaltungszustand des Wei\u00dfr\u00fcckengeiers wurde in der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) im Jahr 2007 von \u201eleast concern\u201c (nicht gef\u00e4hrdet) auf \u201enear threatened\u201c (potenziell gef\u00e4hrdet) ver\u00e4ndert. Nur f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wurde die Art als stark gef\u00e4hrdet eingestuft und im Oktober 2015 wurde ihr Status erneut auf \u201evom Aussterben bedroht\u201c ge\u00e4ndert, da der anhaltende R\u00fcckgang schneller und gravierender ist als vorher vermutet wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Todesf\u00e4lle durch Verzehr vergifteten Tierkadavern tragen wesentlich zum R\u00fcckgang der Best\u00e4nde vieler Geierarten bei. Da Geier bei der Nahrungssuche interagieren und einander folgen, sterben an einem vergifteten Kadaver mitunter hunderte Exemplare bedrohter Arten wie dem Wei\u00dfr\u00fcckengeier. Forschende der GAIA-Initiative am Leibniz-Institut f\u00fcr Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) konnten nun zeigen, dass Sender an Geiern, es erm\u00f6glichen, Vergiftungsf\u00e4lle rasch zu erkennen und den Kadaver zu entfernen. In einem Aufsatz im \u201eJournal of Applied Ecology\u201c zeigen sie in einem theoretischen Modell, dass 45 Prozent der weiteren Todesf\u00e4lle verhindern werden k\u00f6nnten, wenn f\u00fcnf Prozent der Geier einer Population mit einem Sender ausgestattet sind. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":926,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[34],"tags":[32,55,56,59,60,63,66],"class_list":["post-919","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-pressemitteilungen","tag-synaki-2","tag-research-on-african-vulture-species-2","tag-social-foraging-2","tag-animal-borne-remote-sensing-2","tag-detection-of-wildlife-diseases-2","tag-artificial-intelligence-for-behaviour-detection-2","tag-mitigation-of-human-wildlife-conflict-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=919"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":939,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/919\/revisions\/939"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/926"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}