{"id":915,"date":"2025-05-15T13:09:55","date_gmt":"2025-05-15T11:09:55","guid":{"rendered":"https:\/\/gaia-initiative.org\/?p=915"},"modified":"2025-09-24T12:13:12","modified_gmt":"2025-09-24T10:13:12","slug":"bei-der-nahrungssuche-zu-kooperieren-hat-fuer-geier-mehr-vorteile-als-nachteile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/bei-der-nahrungssuche-zu-kooperieren-hat-fuer-geier-mehr-vorteile-als-nachteile\/","title":{"rendered":"Bei der Nahrungssuche zu kooperieren hat f\u00fcr Geier mehr Vorteile als Nachteile"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem in der Fachzeitschrift \u201eEcological Modelling\u201c ver\u00f6ffentlichten Aufsatz analysiert das GAIA-Team um Erstautorin Dr. Teja Curk vom Leibniz-Institut f\u00fcr Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) anhand von Computermodellen, wie sich verschiedene Strategien der Nahrungssuche unter unterschiedlichen \u00f6kologischen Bedingungen bew\u00e4hren, und verglich die Ergebnisse der Modellierungen mit Feldbeobachtungen. Die Forschenden berechneten unter anderem die Sucheffizienz (die Zeit bis ein Kadaver entdeckt wird und Anteil an der Population, die den Kadaver entdeckt hat), die Auffinderate (der Anteil der in der Landschaft verbleibenden Nahrung) und den Grad der Konkurrenz um Ressourcen (die Anzahl der Geier, die an einem einzelnen Kadaver fressen). Daf\u00fcr erstellten sie sogenannte \u201eagentenbasierte\u201c Modelle f\u00fcr drei verschiedene Futtersuchstrategien: die nicht-soziale Futtersuche, bei der jeder Geier allein darauf angewiesen ist, selbst Kadaver in der Landschaft aufzusp\u00fcren; die Strategie der \u201elokalen Anreicherung\u201c, bei der Geier nicht nur von Kadavern angelockt werden, sondern auch durch die direkte Beobachtung von fressenden Artgenossen; und die Strategie der \u201eGeierkette\u201c, bei der die Geier nacheinander anderen Geiern am Himmel folgen, die sich m\u00f6glicherweise auf dem Weg zu einem Kadaver befinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Geier sind sozial und kommunikativ \u2013 und finden auf diese Weise besser Nahrung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die agentenbasierten Modelle wurden anhand von Daten erstellt und validiert, die von 30 Geiern mit Tiersendern im Etosha-Nationalpark in Namibia gesammelt wurden. Von diesen Tieren flossen mehr als 26 Millionen GPS-Positionen und entsprechende Bewegungs- bzw. Beschleunigungsdaten (ACC) in die Modellierung ein. ACC-Sensoren zeichnen kleinskalige Bewegungen in drei r\u00e4umlichen Achsen auf und erlauben es, genaue Bewegungsprofile typischer Verhaltensweisen abzuleiten. Die GAIA-Wissenschaftler:innen nutzen ihre <a href=\"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/was-weiss-und-kann-der-geier-gaia-verbindet-natuerliche-und-kuenstliche-intelligenz-fuer-wildtierforschung-und-artenschutz\/\">selbst entwickelten Machine-Learning-Algorithmen<\/a>, um die GPS- und ACC-Daten zu klassifizieren; so identifizierten sie das Fressverhalten der Geier und die Kadaverstandorte in der Landschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn unseren Modellen haben wir die drei Strategien mit den empirischen Daten aus Namibia verglichen und waren so in der Lage, Parameter wie die Sucheffizienz zuverl\u00e4ssig zu berechnen\u201c, erkl\u00e4rt Curk. \u201eWir fanden heraus, dass beide sozialen Strategien den nicht-sozialen Ansatz in Bezug auf die Sucheffizienz \u00fcbertrafen, da die Geier die Kadaver im Vergleich zum nicht-sozialen Modell schneller fanden. Die &#8218;Geierkette&#8216; ist besonders vorteilhaft, wenn sich viele Geier in einem Gebiet aufhalten, die ihre Suchanstrengungen koordinieren k\u00f6nnen und einen Informationsaustausch \u00fcber gro\u00dfe Entfernungen realisieren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Effektive \u201eMundpropaganda\u201c kann zu \u00fcberf\u00fcllten Futterstellen f\u00fchren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Analysen ergaben allerdings auch, dass eine \u201eGeierkette\u201c zu gro\u00dfen Ansammlungen von Geiern an Kadavern f\u00fchren kann. Dies hat f\u00fcr den einzelnen Geier zur Folge, dass er m\u00f6glicherweise weniger Nahrung aufnehmen kann. Die Strategie der lokalen Anreicherung hingegen schafft bei sehr vielen Geiern in einem Gebiet ein Gleichgewicht zwischen mittelhoher Sucheffizienz und geringerer Konkurrenz am Kadaver.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vergleiche der Auffinderate zeigten, dass die Menge an potenzieller Nahrung, die in der Natur verbleibt, bei sozialen und nicht-sozialen Strategien sehr vergleichbar ist, solange sich in einem Gebiet nur wenige Geier aufhalten. Bei h\u00f6heren Geierdichten \u00fcbertreffen die beiden sozialen Strategien die nicht-soziale Strategie. Nur wenn es enorm viele Geier in einem Gebiet gibt, bleibt die Effizienz der \u201eGeierkette\u201c hinter der \u201elokalen Anreicherung\u201c zur\u00fcck \u2013 bei sehr langen Geierketten kommt es h\u00e4ufig zu einer Konzentration auf wenige Futterstellen, und viele Individuen ern\u00e4hren sich nur von einigen wenigen Kadavern, w\u00e4hrend andere unbesetzt bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Schutz f\u00fcr die hochbedrohten Geierarten ist dringend und wichtig<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Geier im Untersuchungsgebiet wahrscheinlich verschiedene Strategien zur Nahrungssuche kombinieren, die von Umweltvariablen wie der Geier- und Kadaverdichte beeinflusst werden. Diese Verhaltensflexibilit\u00e4t deutet darauf hin, dass Geier ihren Erfolg bei der Nahrungssuche optimieren k\u00f6nnen, indem sie die Nutzung von sozialen Informationen als Reaktion auf ver\u00e4nderte \u00f6kologische Bedingungen anpassen. Die best\u00e4tigten Vorteile sozialer Futtersuchstrategien unterstreichen jedoch die Bedeutung des Schutzes der drastisch schrumpfenden Best\u00e4nde vieler Geierarten: Wenn die Geierdichten unter einen Schwellenwert fallen, gibt es zu wenige Geier um soziale Informationen zu nutzen. Die Sucheffizienz und die Auffinderate sinken und eine betr\u00e4chtliche Menge an Nahrung bleibt unentdeckt, was die Herausforderungen f\u00fcr die Geier in Bezug auf Ern\u00e4hrung, Fortpflanzung und damit auch \u00dcberleben weiter erh\u00f6ht. Aus Sicht des Geierschutzes ist es daher von entscheidender Bedeutung zu verstehen, wie Umweltbedingungen die Strategien zur Nahrungssuche beeinflussen und was damit verbundene Vor- und Nachteile sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahrzehnten sind die Best\u00e4nde vieler Geierarten stark zur\u00fcckgegangen, sie sind nun akut vom Aussterben bedroht. Die Hauptursachen daf\u00fcr sind der Verlust von Lebensraum und Nahrung in vom Menschen gepr\u00e4gten Landschaften sowie eine hohe Anzahl direkter oder indirekter Vergiftungen. Der Bestand des Wei\u00dfr\u00fcckengeiers ist beispielsweise innerhalb von nur drei Generationen um etwa 90 Prozent zur\u00fcckgegangen \u2013 das entspricht einem durchschnittlichen R\u00fcckgang von 4 Prozent pro Jahr. Der Erhaltungszustand des Wei\u00dfr\u00fcckengeiers wurde in der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) im Jahr 2007 von \u201eleast concern\u201c (nicht gef\u00e4hrdet) auf \u201enear threatened\u201c (potenziell gef\u00e4hrdet) ver\u00e4ndert. Nur f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wurde die Art als stark gef\u00e4hrdet eingestuft und im Oktober 2015 wurde ihr Status erneut auf \u201evom Aussterben bedroht\u201c ge\u00e4ndert, da der anhaltende R\u00fcckgang schneller und gravierender ist als vorher vermutet wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allein oder nicht allein, das ist hier die Frage \u2013 nicht nur Hamlet steht vor gro\u00dfen Fragen, auch Wildtiere m\u00fcssen t\u00e4glich Entscheidungen treffen, die f\u00fcr ihr \u00dcberleben entscheidend sind. In einer Fallstudie modellierten Forschende der GAIA-Initiative, ob ein Informationsaustausch unter Wei\u00dfr\u00fcckengeiern (Gyps africanus) dem Einzeltier bei der Nahrungssuche mehr Vor- als Nachteile bringt. Sie fanden heraus, dass soziale Strategien insgesamt vorteilhafter sind als nicht-soziale Strategien, dass aber Umweltbedingungen wie die Dichte von Geiern und Kadavern in der Landschaft starken Einfluss darauf haben, welche Strategie zu den besten Ergebnissen f\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":911,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[34],"tags":[32,55,56],"class_list":["post-915","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-pressemitteilungen","tag-synaki-2","tag-research-on-african-vulture-species-2","tag-social-foraging-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/915","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=915"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/915\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":938,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/915\/revisions\/938"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/911"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=915"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=915"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=915"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}