{"id":175,"date":"2022-06-27T20:46:00","date_gmt":"2022-06-27T18:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gaia-initiative.org\/?p=175"},"modified":"2023-06-13T10:46:48","modified_gmt":"2023-06-13T08:46:48","slug":"schutzgebiete-in-afrika-sind-zu-klein-um-die-sich-schnell-verringernden-geier-bestaende-zu-sichern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/schutzgebiete-in-afrika-sind-zu-klein-um-die-sich-schnell-verringernden-geier-bestaende-zu-sichern\/","title":{"rendered":"Schutzgebiete in Afrika sind zu klein, um die sich schnell verringernden Geier-Best\u00e4nde zu sichern"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Studie stellt die erste vergleichende Analyse der Bewegungs\u00f6kologie von drei Geierarten in Afrika vor: dem Wei\u00dfr\u00fcckengeier (<em>Gyps africanus<\/em>), dem Sperbergeier (<em>Gyps rueppelli<\/em>) \u2013 beide sind von der IUCN als stark gef\u00e4hrdet eingestuft \u2013 und dem Kapgeier (<em>Gyps coprotheres<\/em>), der als gef\u00e4hrdet klassifiziert ist. In zwei Regionen im \u00f6stlichen und s\u00fcdlichen Afrika analysierten die Wissenschaftler:innen einen gro\u00dfen Satz Telemetriedaten von Geiern, die in 18 L\u00e4ndern \u00fcber einen Zeitraum von 15 Jahren (2004 bis 2019) gefangen und besendert wurden. Diese Bewegungsdaten setzen sie in Bezug zu Kenndaten wie Art, Alter, Brutstatus, Jahreszeit und Region. Sie bewerteten die \u00dcbereinstimmung zwischen den ermittelten Streifgebieten und den bestehenden Schutzgebieten, die von Nationalparks \u00fcber Wildschutzgebiete bis hin zu kommunalen Schutzgebieten reichten. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnsere Analyse zeigt, dass afrikanische Geier der Gattung <em>Gyps<\/em> einige der gr\u00f6\u00dften Streifgebiete aller terrestrischen, nicht wandernden Arten weltweit haben. Das wird durch ihren energetisch effizienten Segelflug erm\u00f6glicht und ist f\u00fcr die Nutzung einer verstreuten und verg\u00e4nglichen Nahrungsquelle erforderlich: Aas\u201c, sagt Autorin Corinne J. Kendall (North Carolina State University und North Carolina Zoo). Ausgewachsene Wei\u00dfr\u00fcckengeier haben beispielsweise ein durchschnittliches Streifgebiet von etwa 24.000 km\u00b2 in Ostafrika und 31.500 km\u00b2 im s\u00fcdlichen Afrika. Kapgeier und Sperbergeier \u00fcberfliegen mit durchschnittlich 36.000 km\u00b2 und 75.000 km\u00b2 noch gr\u00f6\u00dfere Gebiete. \u201eWir sehen in unseren Daten auch, dass Jungv\u00f6gel noch deutlich gr\u00f6\u00dfere Gebiete abdecken als erwachsene V\u00f6gel\u201c, f\u00fcgt Ortwin Aschenborn (Universit\u00e4t Namibia und Leibniz-IZW) hinzu. \u201eSo haben beispielsweise junge Wei\u00dfr\u00fcckengeier im s\u00fcdlichen Afrika ein durchschnittliches Streifgebiet von knapp 100.000 km\u00b2, wobei ein Geier in unserem Datensatz sogar \u00fcber einer Fl\u00e4che von nahezu 300.000 km\u00b2 aktiv war.\u201c Ausgewachsene V\u00f6gel k\u00f6nnen besser um die knappen Nahrungsressourcen konkurrieren und ben\u00f6tigen kleinere Gebiete. Au\u00dferdem sind br\u00fctende V\u00f6gel an einen viel kleineren Aktionsradius gebunden. Das Forschungsteam identifizierte ebenfalls Zusammenh\u00e4nge zwischen der Gr\u00f6\u00dfe des Streifgebiets und den Jahreszeiten. So decken beispielsweise Sperbergeier in den Monaten der Regenzeit in Ostafrika, in denen das Nahrungsangebot geringer ist, gr\u00f6\u00dfere Gebiete ab.<\/p>\n\n\n\n<p>In Anbetracht dieses r\u00e4umlichen Verhaltens ist es unvermeidlich, dass Geier einen betr\u00e4chtlichen Teil ihrer Zeit \u00fcber nicht gesch\u00fctzten Gebieten kreisen. Die Analysen ergaben, dass sich die Streifgebiete der Kapgeier im Jahresdurchschnitt am wenigsten mit Schutzgebieten \u00fcberschneiden: 34 % bei den erwachsenen V\u00f6geln und nur 16 % bei den Jungv\u00f6geln. Dies f\u00fchrt dazu, dass sie in erheblichem Ma\u00dfe Nahrungsquellen mit direktem Bezug zum Menschen ausgesetzt sind, etwa aus Viehzuchtbetrieben und Fleischverarbeitungsbetrieben. Es erh\u00f6ht auch die Exposition gegen\u00fcber Umweltgiften wie landwirtschaftlichen Pestiziden und Giftk\u00f6dern zur Raubtierbek\u00e4mpfung. Letzteres ist eine Praxis, die im s\u00fcdlichen und \u00f6stlichen Afrika immer noch weit verbreitet ist. \u201eDiese Ergebnisse zeigen, dass Schutzgebiete zwar ein g\u00e4ngiges und erfolgreiches Instrument zum Schutz verschiedener Komponenten der biologischen Vielfalt sind, ihr Nutzen f\u00fcr Arten mit gro\u00dfen individuellen Streifgebieten oder migrierende Arten jedoch begrenzt ist\u201c, schlussfolgern Aschenborn und der Erstautor Adam Kane (University College Dublin). \u201eSchutzgebiete minimieren in der Regel den Landnutzungswandel, die Lebensraumdegradation und den Einsatz von Umweltgiften wie Pestiziden oder Giften, die zum Beispiel auf Konfliktarten abzielen. Doch f\u00fcr manche V\u00f6gel sind die Grenzen dieser Gebiete nicht ausreichend und evidenzbasierte Schutzma\u00dfnahmen m\u00fcssen auch Herausforderungen au\u00dferhalb dieser Gebiete adressieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Best\u00e4nde der Geier schrumpfen so stark wie kaum eine andere Vogelgruppe und sind sogar an der Spitze der schrumpfenden Best\u00e4nde aller Wirbeltiere. Die Populationen der drei Arten, die in diese Analyse einbezogen wurden, gingen innerhalb von drei Generationen um mehr als 90 % zur\u00fcck. Der Erhaltungszustand des Wei\u00dfr\u00fcckengeiers wurde in der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) im Jahr 2007 von \u201eleast concern\u201c (nicht gef\u00e4hrdet) auf \u201enear threatened\u201c (potentiell gef\u00e4hrdet) ver\u00e4ndert. Nur f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wurde die Art als stark gef\u00e4hrdet eingestuft und im Oktober 2015 wurde ihr Status erneut auf \u201evom Aussterben bedroht\u201c ge\u00e4ndert, da der anhaltende R\u00fcckgang schneller und gravierender ist als vorher vermutet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In S\u00fcdostasien wurden in ungesch\u00fctzten Gebieten \u201eVulture Safe Zones\u201c (VSZ) eingerichtet, um den Zustrom von Umweltschadstoffen wie Medikamenten zu verringern. VSZ haben sich als wirksame Strategie zum Schutz der Geier erwiesen, da beispielsweise das Einbringen des entz\u00fcndungshemmenden und schmerzstillenden Arzneimittels Diclofenac in die Umwelt in weiten Gebieten verboten ist und diese Art der Vergiftung der Geier unbeabsichtigt ist. Geier sind wie andere Raubv\u00f6gel langlebige Spezies, die an der Spitze der Nahrungskette stehen. Dies bedeutet, dass sie anf\u00e4llig f\u00fcr die Anreicherung von Giftstoffen in ihrem K\u00f6rper durch ihre Nahrung sind. \u201eDamit VSZ in Afrika erfolgreich sein kann, m\u00fcssen gro\u00dfe Gebiete nahezu giftfrei sein\u201c, sagt Aschenborn. \u201eDiese Gebiete m\u00fcssen viel gr\u00f6\u00dfer sein als zum Beispiel der Etosha-Nationalpark. Wenn wir uns das durchschnittliche Streifgebiet eines nicht ausgewachsenen Sperbergeiers von etwa 175.000 km\u00b2 vor Augen f\u00fchren, wird deutlich, welche Herausforderungen mit diesem Konzept verbunden sind.\u201c In Zeiten mit geringer Nahrungsverf\u00fcgbarkeit, zum Beispiel in der Regenzeit, k\u00f6nnten Geierrestaurants mit Zuf\u00fctterung ein zus\u00e4tzliches Instrument f\u00fcr Schutzgebiete sein, um das Risiko von Vergiftungen zu verringern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern f\u00fcr den Schutz weit verbreiteter Arten wie der Geier ist\u201c, sagt Adam Kane. \u201eDiese zu organisieren ist eine Herausforderung, kann aber ertragreiche und nutzenbringende Forschungs- und Schutzprojekte f\u00f6rdern, indem sie Menschen f\u00fcr ein gemeinsames Ziel zusammenbringt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Anfang 2022 ist Ortwin Aschenborn Teil eines neuen, ehrgeizigen Forschungsprojektes am Leibniz-IZW, welches die wissenschaftlichen Grundlagen f\u00fcr den Schutz von Geiern und ihrer Lebensr\u00e4ume weiter voranbringen soll. Im Rahmen des Projekts wird in den beiden Vorhaben \u201eGAIA-Sat-IoT\u201c und \u201eSyNaKI\u201c eine neue Generation von Miniatursendern f\u00fcr die Geierforschung entwickelt: Diese Sender werden Sensoren (f\u00fcr GPS-Ortungs- und Beschleunigungsdaten) und eine Kamera kombinieren und mit integrierten K\u00fcnstliche Intelligenz-Algorithmen ausgestattet sein, die Daten und Bilder \u00fcber die Bewegung und das Verhalten von Individuen dekodieren und automatisch klassifizieren. Dies erm\u00f6glicht in Echtzeit einen Informationstransfer \u00fcber ein Satellitennetzwerk, das speziell zu dem Zweck entwickelt wird, die Welt der Geier durch deren Augen zu sehen und zu analysieren. Im Rahmen der Vorhaben werden zudem dezentralisierte, KI-gest\u00fctzte Datenanalysen auf verschiedenen Tags an Geiern und L\u00f6wen entwickelt, um die Bewegungen und Verhaltensweisen innerhalb von Vogelschw\u00e4rmen und Artengemeinschaften bei Raubtieren und Aasfressern zu entschl\u00fcsseln. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieser Hightech-Ansatz erm\u00f6glicht neue Einblicke in das Verhalten einzelner Tiere und der Dynamik der Ereignisse in deren \u00d6kosystem\u201c, sagt Dr. J\u00f6rg Melzheimer, Leiter des Projekts am Leibniz-IZW. \u201eWir werden die Geier und ihre Herausforderungen nicht nur besser verstehen, sondern auch schneller Ver\u00e4nderungen in ihrem Lebensraum erkennen k\u00f6nnen: Ziel unseres Projekts ist es, menschliche, tierische und k\u00fcnstliche Intelligenz zu verkn\u00fcpfen, um ohne Zeitverz\u00f6gerung die Geschehnisse in diesem konkreten \u00d6kosystem zu erfassen und zum Beispiel Krankheitsausbr\u00fcche oder Vergiftungsherde sofort zu erkennen.\u201c Das Leibniz-IZW arbeitet in beiden Vorhaben mit dem Fraunhofer-Institut f\u00fcr Integrierte Schaltungen IIS, dem Deutschen Zentrum f\u00fcr Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Tierpark und Zoo Berlin und \u2013 vor Ort in Namibia \u2013 dem Ministerium f\u00fcr Umwelt, Forstwirtschaft und Tourismus von Namibia, dem Etosha Ecological Institute (EEI) und dem Ongava Research Centre (ORC) zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geier erf\u00fcllen wichtige \u00d6kosystemfunktionen, da sie die Landschaft von Kadavern befreien und so beispielsweise die Ausbreitung von Wildtierkrankheiten begrenzen. Die Best\u00e4nde der Geier gehen jedoch stark zur\u00fcck \u2013 vor allem aufgrund von (absichtlichen und unabsichtlichen) Vergiftungen. Eine umfassende Analyse von Bewegungsdaten von drei bedrohten Geierarten in Afrika zeigt, dass individuelle Streifgebiete bis zu 75.000 km\u00b2 gro\u00df sind und deutlich \u00fcber bestehende Schutzgebiete hinausgehen. Der Aufsatz ist in der Zeitschrift \u201eBiological Conservation\u201c erschienen. Um die Best\u00e4nde zu stabilisieren, m\u00fcssten gr\u00f6\u00dfere \u201eVulture Safe Zones&#8220; eingerichtet werden. Ein neues Projekt am Leibniz-Institut f\u00fcr Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) zielt darauf ab, die wissenschaftlichen Grundlagen f\u00fcr den Geierschutz durch neu entwickelte Sender mit K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) und Internet of Things-Kommunikation (IoT) in Satellitennetzwerken weiter zu verbessern.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":146,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[34,89],"tags":[31,32],"class_list":["post-175","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-pressemitteilungen","category-publikationen","tag-gaia-sat-iot-2","tag-synaki-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/175","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=175"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/175\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":524,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/175\/revisions\/524"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/146"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=175"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=175"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gaia-initiative.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=175"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}